Schmerz ist kein Schicksal. Und er gehört nicht zum Alter – auch wenn das viele pflegebedürftige Menschen, ihre Angehörigen und manchmal sogar Pflegende glauben. In Deutschland leben Millionen ältere Menschen mit chronischen Schmerzen, die unzureichend oder gar nicht behandelt werden. Das muss nicht so sein. Dieser Ratgeber zeigt, was Schmerzen bei pflegebedürftigen Menschen bedeuten, welche Warnzeichen Sie kennen müssen – und was wirklich hilft: von der Medizin bis zur Atemübung.
Schmerz im Alter: Ein unterschätztes Problem mit gravierenden Folgen
Schmerzen sind im Alter weit verbreitet – und werden erschreckend oft ignoriert, verharmlost oder schlicht nicht erkannt. Viele Betroffene sagen sich: „Das gehört dazu." Viele Pflegende haben schlicht keine Zeit für eine gründliche Schmerzerfassung. Und bei Menschen mit Demenz fehlt oft die Möglichkeit, Schmerzen überhaupt zu verbalisieren. Das Ergebnis: chronisches Leiden, das hätte vermieden werden können.
Dabei ist Schmerz kein Randthema der Pflege – er ist eine der häufigsten und folgenreichsten Herausforderungen in der Versorgung älterer Menschen. Unbehandelter Schmerz destabilisiert den gesamten Organismus: Er stört den Schlaf, erhöht den Blutdruck, verringert die Mobilität, fördert soziale Isolation und kann in Depression, Hoffnungslosigkeit und im schlimmsten Fall Suizidalität münden.
Schmerzen gehören nicht zum Alter – sie sind ein Warnsignal des Körpers und verlangen immer eine ernsthafte Reaktion.
- Appetitmangel und Gewichtsverlust – erhöhtes Risiko für Mangelernährung
- Chronische Schlafstörungen – Erschöpfung, kognitive Verschlechterung
- Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Belastung
- Eingeschränkte Mobilität und erhöhtes Sturzrisiko
- Sozialer Rückzug und tiefe Einsamkeit
- Depression, Hoffnungslosigkeit, Lebensmüdigkeit und Suizidalität
- Zunehmender Pflegebedarf – bis hin zur stationären Einweisung
Ursachen: Woher kommen Schmerzen im Alter?
Schmerzen bei älteren pflegebedürftigen Menschen haben häufig mehrere Ursachen gleichzeitig. Körperlich, psychisch und sozial – alle drei Ebenen spielen zusammen. Das macht die Diagnostik herausfordernd, die Behandlung aber auch vielschichtig lösbar.
- Muskel-Skelett-Erkrankungen: Arthrose, Osteoporose, Rückenschmerzen, Gelenkverschleiß
- Neuropathische Schmerzen: Nervenschäden durch Diabetes, Schlaganfall oder Herpes zoster (Gürtelrose)
- Krebserkrankungen: Tumor- oder therapiebedingte Schmerzen
- Wunden und Dekubitus: chronische Wunden, Druckgeschwüre
- Entzündliche Erkrankungen: Rheuma, Gicht, Infektionen
- Psychische Belastungen: Angst, Depression, Stress und soziale Isolation verstärken Schmerzempfinden nachweislich
- Pflege selbst: falsche Lagerung, unsanfte Mobilisierung oder Verbandwechsel können Schmerzen auslösen
Schmerzen erkennen – besonders bei Menschen mit Demenz
Bei Menschen mit Demenz ist das Erkennen von Schmerzen besonders schwierig – und besonders wichtig. Sie können sich oft nicht verbal äußern. Schmerz zeigt sich dann in Verhalten, Mimik und Körpersprache. Wer diese Zeichen lesen kann, kann frühzeitig handeln.
- Mimik: Stirnrunzeln, Grimassen, angespannter Gesichtsausdruck, zusammengekniffene Augen
- Lautäußerungen: Stöhnen, Schreien, Klagen, ungewohnte Lautgebung
- Körperhaltung: Schonhaltung, Steifheit, Anspannung der Muskulatur
- Bewegungsverhalten: Unruhe, Nesteln, Widerstand gegen Pflege oder Berührung
- Verhaltensänderungen: plötzliche Aggressivität, sozialer Rückzug, Appetitlosigkeit
- Vegetative Zeichen: Schwitzen, Zittern, veränderte Atmung, Blässe
- Validiertes Assessmentinstrument: BESD-Skala (Beurteilung von Schmerzen bei Demenz)
Regelmäßiges Nachfragen und aufmerksames Beobachten sind die wichtigsten Werkzeuge der Schmerzerfassung in der Pflege.
Medizinische Schmerzbehandlung: Was der Arzt tun kann
Eine gute Schmerztherapie beginnt immer mit einer sorgfältigen ärztlichen Diagnose. Schmerzen müssen nicht einfach hingenommen werden. Heute gibt es ein breites Spektrum wirksamer Therapien – von Medikamenten über interventionelle Verfahren bis hin zu multidisziplinären Behandlungsprogrammen.
- Analgetika nach WHO-Stufenschema: von Nicht-Opioid-Schmerzmitteln (Paracetamol, Ibuprofen) bis zu Opioiden bei starken Schmerzen
- Koanalgetika: Antidepressiva, Antikonvulsiva und Kortikosteroide bei neuropathischen oder entzündlichen Schmerzen
- Lokale Anwendungen: Schmerzpflaster, Gele, Injektionen direkt in betroffene Gelenke oder Nerven
- Physiotherapie: gezielte Übungen, manuelle Therapie, Lymphdrainage
- Interventionelle Verfahren: Nervenblockaden, Schmerzpumpen bei therapierefraktären Schmerzen
- Multimodale Schmerztherapie: kombinierte Programme aus Medizin, Physio- und Psychotherapie – besonders wirksam bei chronischen Schmerzen
- Palliative Schmerzbehandlung: Lebensqualität im Vordergrund – Linderung statt Heilung
- Nie frei verkäufliche Schmerzmittel ohne ärztliche Absprache geben – Wechselwirkungen und Nierenschäden möglich
- Dosierungen müssen im Alter oft angepasst werden – Stoffwechsel und Nierenfunktion verändern sich
- Medikamente immer nach Verordnung – nicht nach eigenem Ermessen kürzen oder erhöhen
- Regelmäßige Überprüfung der Schmerzmedikation durch den Arzt ist Pflicht
Nicht-medikamentöse Maßnahmen: Was wirklich hilft – ohne Tablette
Nicht-medikamentöse Schmerzlinderung ist kein Ersatz für ärztliche Behandlung – aber ein unverzichtbarer Baustein jeder guten Schmerztherapie. Wärme, Bewegung, Atem, Musik, Berührung und mentale Techniken können Schmerzen nachweislich lindern, das Wohlbefinden verbessern und die Medikamentendosis reduzieren helfen.
- Wärme- und Kälteanwendungen: Wärmekissen, Rotlicht, Wärmflasche bei Muskelschmerzen und Verspannungen; Kühlung bei akuten Entzündungen und Schwellungen
- Sanfte Bewegung und Physiotherapie: tägliches Gehtraining, gezielte Gelenkübungen, Wassergymnastik – auch im Sitzen oder Liegen möglich
- Massage und Berührung: sanfte Streichmassage, Einreiben mit Wärmecremes, Fußmassage – fördert Durchblutung und Entspannung
- Atemübungen: tiefes, bewusstes Atmen aktiviert das Parasympathikussystem und reduziert Schmerzwahrnehmung (ausführlich unten)
- Progressive Muskelentspannung nach Jacobson: systematisches An- und Entspannen von Muskelgruppen – reduziert Anspannung und chronischen Schmerz
- Musik und Klang: beruhigende Lieblingsmusik oder Naturklänge lenken von Schmerzen ab und fördern Ausschüttung körpereigener Schmerzhemmer
- Ablenkung und Aktivität: Beschäftigung mit Hobbys, Gespräche, leichte Aktivitäten – Schmerz tritt in den Hintergrund, wenn das Gehirn anderweitig gefordert ist
- Achtsame Körperwahrnehmung (Mindfulness): bewusstes Beobachten des Schmerzes ohne Bewertung – reduziert nachweislich Leidensdruck
- Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS): schwache elektrische Impulse blockieren Schmerzreize – auf ärztlichen Rat
- Einreibungen und Naturheilmittel: Arnika-Gel, Kampfer, ätherische Öle wie Lavendel oder Pfefferminze – immer nach ärztlicher Rücksprache
- Lagerung und Positionierung: druckentlastende Lagerung, weiche Unterlagen, regelmäßige Umlagerung bei Bettlägerigkeit
- Soziale Zuwendung: Gespräch, Nähe, gemeinsame Zeit – emotionale Unterstützung lindert Schmerzempfinden messbar
Atemübung zur Schmerzlinderung – so funktioniert es
Tiefes, bewusstes Atmen ist eine der einfachsten und gleichzeitig wirksamsten nicht-medikamentösen Maßnahmen bei Schmerzen. Sie kann jederzeit, überall und ohne Hilfsmittel angewendet werden. Tiefe Bauchatmung aktiviert den Vagusnerv, senkt Stress und Anspannung – und macht den Körper weniger schmerzsensibel.
Bequem hinsetzen oder hinlegen. Eine Hand auf den Bauch legen und spüren, wie er sich hebt und senkt.
durch die Nase
ruhig bleiben
durch den Mund
Mindestens 5 Minuten wiederholen. Bei starken Schmerzen: gemeinsam mit der pflegebedürftigen Person durchführen – Synchronatmung hat beruhigende Wirkung.
- Lieblingsmusik wählen: Vertraute Melodien haben bei Demenz besonders starke Wirkung – sie aktivieren emotionale Gedächtniszentren
- Tempo anpassen: ruhige Musik mit 60–80 BPM synchronisiert sich mit dem Herzschlag und fördert Entspannung
- Timing nutzen: Musik vor schmerzhaften Pflegemaßnahmen beginnen – z. B. vor dem Verbandswechsel
- Naturklänge: Regen, Meeresrauschen, Vogelgesang wirken nachweislich schmerzlindernd und angstreduzierend
- Lautstärke: gering halten – Musik soll begleiten, nicht überfordern
Bewusstes Atmen, Entspannungsübungen und Musik sind einfache, aber wirksame Werkzeuge der nicht-medikamentösen Schmerztherapie.
Die 10 Praxis-Tipps für pflegende Angehörige
Gut informierte Angehörige können den Unterschied machen – zwischen einem Alltag voller Schmerzen und einem Leben mit echten Möglichkeiten der Linderung.
Regelmäßig nachfragen. Auf Mimik, Haltung und Verhalten achten – besonders bei Demenz.
Zeigen Sie, dass Sie Schmerzen glauben und ernst nehmen. Nie sagen: „Das ist nicht so schlimm."
Schmerztagebuch führen: Wann? Wo? Wie stark (1–10)? Was hilft? Was verschlimmert es?
Termin vereinbaren, begleiten, Dokumentation mitbringen. Schmerzmeldung muss Chefsache werden.
Physiotherapie, Ergotherapie, Schmerzambulanzen – fachliche Anleitung holen und umsetzen.
Verordnete Medikamente pünktlich geben. Übungen gemeinsam durchführen. Termine wahrnehmen.
Wärme, Massage, Musik, Atemübungen anbieten. Schöne Momente schaffen trotz Schmerzen.
Sanfte Pflegetechniken erlernen. Lagerung optimieren. Pflegekurs belegen.
Hilfsmittel nutzen. Selbstständigkeit fördern. Übernahme von Tätigkeiten gut dosieren.
Trotz Schmerzen Interessen pflegen. Kontakte erhalten. Teilhabe ist Therapie.
Wo Sie Hilfe finden
- Hausarztpraxis: erste Anlaufstelle – Diagnostik und Basisbehandlung
- Fachärzte: Orthopädie, Neurologie, Rheumatologie, Schmerzzentren
- Schmerzzentren und -ambulanzen: www.schmerzgesellschaft.de/einrichtungen
- DGS Regionale Schmerzzentren: www.dgschmerzmedizin.de
- Ärztlicher Bereitschaftsdienst: 116 117 (kostenfrei)
- Physiotherapie / Ergotherapie / Psychotherapie: auf ärztliche Überweisung
- ZQP – Tipps und Kurzfilm zu Schmerzen: www.zqp.de/thema/schmerzen
- ZQP-Beratungsdatenbank: www.zqp.de/beratung-pflege
- Schmerztagebuch mitbringen – Datum, Ort, Stärke, Auslöser, was hilft
- Alle aktuellen Medikamente auflisten – inklusive frei verkäuflicher Mittel
- Fragen: Welche Ursache? Welche Behandlungsoptionen? Auch nicht-medikamentöse?
- Behandlungsplan schriftlich festhalten lassen
- Kontrolltermin vereinbaren – Schmerztherapie braucht Anpassung und Nachsorge
- Bei unzureichender Wirkung: Überweisung an Schmerzzentrum einfordern
📚 Quellenverzeichnis
- Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) (2025): ZQP-Kurzratgeber Schmerzen bei älteren pflegebedürftigen Menschen. Berlin. www.zqp.de
- Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) (2020): Expertenstandard Schmerzmanagement in der Pflege bei akuten Schmerzen, 2. Aktualisierung. Osnabrück.
- DNQP (2015): Expertenstandard Schmerzmanagement in der Pflege bei chronischen Schmerzen, 1. Aktualisierung. Osnabrück.
- Deutsche Schmerzgesellschaft e.V.: Leitlinien und Empfehlungen zur Schmerztherapie. www.schmerzgesellschaft.de
- Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS): Regionale Schmerzzentren und Behandlungsstandards. www.dgschmerzmedizin.de
- Husebo, B.S. et al. (2011): Efficacy of treating pain to reduce behavioural disturbances in residents of nursing homes with dementia. BMJ, 343, d4065.
- Lautenbacher, S. et al. (2017): Schmerz bei Demenz. Der Schmerz, 31(5), 461–466.
- Eccleston, C. et al. (2014): Psychological therapies for the management of chronic and recurrent pain in children and adolescents. Cochrane Database of Systematic Reviews.
- Breivik, H. et al. (2006): Survey of chronic pain in Europe: Prevalence, impact on daily life, and treatment. European Journal of Pain, 10(4), 287–333.
- Weltgesundheitsorganisation (WHO): WHO-Stufenschema zur Schmerztherapie – Analgetika-Leiter. Genf.
- Bundesministerium für Gesundheit (BMG): Nationale Strategie Schmerzversorgung. Berlin.
- Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV): Arztsuche und Schmerzzentren: arztsuche.116117.de

Kommentar schreiben
Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Nach dem Absenden erhalten Sie einen Bestätigungslink per E-Mail. Mit der Bestätigung werden Sie außerdem in unseren Newsletter eingetragen.